Erich-Mühsam-Gesellschaft e.V.
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Auf dieser Seite veröffentlichen wir Hinweise zu eigenen Veranstaltungen oder zu Veranstaltungen anderer Gruppen/Vereine/Einzelpersonen, die in einem engem Zusammenhang zu Erich Mühsam stehen.
Veranstaltungshinweise senden Sie bitte an: post@erich-muehsam-gesellschaft.de


Ältere Veranstaltungshinweise finden sie im Archiv



Erich-Mühsam-Preis 2016


Der Erich-Mühsam-Preis wurde in diesem Jahr verliehen an

Konstantin Wecker

Liedermacher, Poet, philosophierender Musiker,

musizierender Philosoph, Aktivist, Anarchist


Der Erich-Mühsam-Förderpreis wurde verliehen an das

Lübecker Flüchtlingsforum


Beide Preise wurden gestiftet von Frank-Thomas Gaulin.

Die öffentliche Preisverleihung am 14.10.2016 fand
in der Lübecker Musik- und Kongresshalle einen würdigen Rahmen.


Der 1. Vorsitzende der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Lienhard Böhning, begrüßte Preisträger und Gäste.

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher waren von den Reden der Laudatoren begeistert.

Die Laudatio für das Lübecker Flüchtlingsforum hielt
der Flüchtlingsbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein:

Stefan Schmidt.

Die Laudatio für Konstantin Wecker hielt der Geschäftsführende Direktor des Theater Lübecks:

Christian Schwandt.

Am Abend begeisterte Konstantin Wecker die Besucherinnen und Besucher mit einem beeindruckenden Konzert.
Er eröffnete das Konzert mit dem Mühsam-Gedicht

„Der Revoluzzer“

Der Abend klang aus mit einer Begegnung Weckers mit Flüchtlingen auf der „Walli“ ( Alternative Lübeck: Zentrum interkultureller , antifaschistischer und autonomer Kultur und Politik in Lübeck ).

Wer die Reden des Vorsitzenden und der Laudatoren nachlesen will, findet sie hier im Anschluss -
ergänzt von einer Reaktion Konstantin Weckers auf die Nachricht der Preisverleihung.




Begrüßung des 1. Vorsitzenden Lienhard Böhning zur Verleihung

des Erich-Mühsam-Preises 2016 an Konstantin Wecker und des

Erich Mühsam-Förderpreises 2016 an das Lübecker Flüchtlingsforum

am 14. Oktober 2014 in der Musik- und Kongresshalle Lübeck



„Der Kampf aller gegen alle ist kein Ringen um den Preis der Schönheit, der inneren Freiheit, der Kultur – sondern eine groteske Balgerei um die größte Kartoffel. Auf der einen Seite Hunger, Elend, Verkommenheit, auf der anderen Seite geschmackloser Luxus, plumpe Kraftprotzerei, schamlose Ausbeutung.“
(Erich Mühsam, Appell an den Geist, Mai 1911)

Guten Abend meine Damen und Herren,
liebe Freundinnen und liebe Freunde der Erich-Mühsam-Gesellschaft!  

Als Vorsitzender und im Namen des Vorstands der Erich-Mühsam-Gesellschaft heiße ich Sie herzlich willkommen zur Verleihung des Erich-Mühsam-Preises und des Erich-Mühsam-Förderpreises 2016.
Die Erich-Mühsam-Gesellschaft pflegt neben der Verleihung dieser Preise das Andenken des anarchistischen Schriftstellers Erich Mühsam, die Verbreitung seines Werks und die Förderung von Bestrebungen im Sinne Erich Mühsams für Frieden, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit.

Unbeschränkte Freiheit im Leben und Denken sowie der Kampf für Gerechtigkeit und Kultur waren Mühsams Kernthemen. Zwar entwickelte sich seine politische Weltsicht mit den gesellschaftlichen Brüchen, die er erlebte, aber zum revolutionären Anarchisten wurde er nicht erst mit den Jahren, er war es von Anfang an.
Bereits 1902 verkündete er in der anarchistischen Zeitschrift Der arme Teufel seine Motivation, ja, sein ganzes Programm, dem er lebenslang treu bleiben sollte: „Nolo will ich mich nennen – nolo: Ich will nicht! Nein, ich will in der Tat nicht! Nein, ich will nicht mehr all die unnötigen Leiden sehn, deren die Welt so übervoll ist.“
Erich Mühsam quälten viele Fragen seiner Zeit, weil er Antworten suchte, um auch handeln zu können.  „Ich bin ein Pilger, der sein Ziel nicht kennt.“  Er sollte es bis zu seiner grausamen Ermordung 1934 im KZ Oranienburg bleiben.

Es mag  sein, dass den meisten Menschen zu Erich Mühsam kaum mehr einfällt als das lustige Gedicht vom „Revoluzzer“.  Sein Andenken und sein Werk sind jedoch bis heute lebendig geblieben und erfahren u.a. durch die Herausgabe seiner Tagebücher eine neue Renaissance.
Die Bedeutung von Mühsams literarischem Werk liegt darin, dass hier die Literatur nie Selbstzweck, sondern Ausdrucksform einer klaren politischen Haltung ist. Die Begeisterungsfähigkeit, die Liebe und der Zorn, von denen seine Texte durchtränkt sind, haben diese schon zu seinen Lebzeiten einzigartig gemacht, besitzen geistige Strahlkraft und wirken bis heute. Er war kein Theoretiker, sondern Propagandist einer besseren Welt, und in diesem Metier war er unschlagbar, gerade weil er sich keinen Direktiven oder strategischen Erwägungen unterordnen konnte und wollte.
Man mag nicht alle Positionen Erich Mühsams teilen, die Haltung jedoch, die ihnen zu¬grunde liegt, ist heute so nötig wie damals. In diesem Sinne sollten wir seinen Satz verstehen: „Menschen lasst die Toten ruhn / und erfüllt ihr Hoffen!“

Ich komme zu den Hauptpersonen des heutigen Abends: Herzlich willkommen Konstantin Wecker  als Preisträger des Erich-Mühsam-Preises 2016. Ebenso herzlich willkommen das Lübecker Flüchtlingsforum und seine Mitglieder als Preisträger des Erich-Mühsam-Förderpreises. Ohne den Laudationen vorgreifen zu wollen: Beide Preisträger verkörpern in der heutigen Zeit in Wort und Tat die Haltung Erich Mühsams in idealer Weise.
Als Laudatoren begrüße ich sehr herzlich Christian Schwandt, den geschäftsführenden Direktor des Theater Lübeck und profunden Kenner der Tagebücher Erich Mühsams sowie Stefan Schmidt, den Flüchtlingsbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein.

Frank-Thomas Gaulin gilt unser besonderer Dank. Vielen Dank Frank-Thomas, dass Du wie immer die Preise gestiftet hast, wieder ohne dem Vorstand der Erich-Mühsam-Gesellschaft als diesjähriger Jury bei der Wahl der Preisträger Vorgaben zu machen oder in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Meinen Vorstandskolleginnen und –kollegen danke ich für die intensive und engagierte Diskussion bei der Preisträgerfindung.
Ich freue mich die Bundestagsabgeordnete Frau Hiller-Ohm, den Landtagsabgeordneten Wolfgang Baasch und den Fraktionsvorsitzenden der SPD-Bürgerschaftsfraktion Jan Lindenau begrüßen zu können.
Für die musikalische Umrahmung sorgt „Troubaduo“ mit Jana Nitsch und Marcus Bertold, die wir nun hören. Gerne möchte ich ihnen schon jetzt für die musikalischen Delikatessen danken.
Ihnen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.







Laudatio im Rahmen der Veranstaltung der Erich-Mühsam-Gesellschaft

e.V. am 14. Oktober 2016 in der MuK

Förderpreisverleihung an das Lübecker Flüchtlingsforum




Sehr geehrte Damen und Herren,
erst einmal möchte ich mich recht herzlich dafür bedanken, dass mir von der Erich-Mühsam-Gesellschaft die Möglichkeit gegeben worden ist, am heutigen Freitag in den Räumen der MuK im Rahmen der Verleihung des Förderpreises eine Laudation für das Lübecker Flüchtlingsforum zu halten.

Wenn ich das Lebenswerk des im KZ Oranienburg ermordeten Lübeckers Erich Mühsam betrachte und die Inhalte für die dieser, durch und durch, politisch agierende Mann gestanden hat, finde ich es überzeugend, dass Ihre Erich-Mühsam-Gesellschaft das humanitäre, aber insbesondere auch politische Agieren des Flüchtlingsforums honoriert.

Besonders bedanke ich mich auch schon einmal stellvertretend für das Flüchtlingsforum bei Herrn Frank-Thomas Gaulin für das Preisgeld.

Aus meiner Sicht geht es nicht „nur“ um das Fördergeld, sondern um die Anerkennung des politischen Engagement des Flüchtlingsforums und die  wenn auch vielleicht nur indirekt  gemachte Verbindung zu Erich Mühsam.

Das ist aus meiner Sicht ein starkes Signal.

Ich möchte mit einem Liedtitel des Hauptpreisträgers Konstantin Wecker die Arbeit des Flüchtlingsforums benennen als „Genug ist nicht genug“.

Der gemeinnützige Verein "Lübecker Flüchtlingsforum e.V." wurde 1997 gegründet, er ging hervor aus der "Flüchtlings-AG". Nach dem Brandanschlag in der Hafenstrasse 1996 engagierten sich viele Menschen in Lübeck.
Ich persönlich habe Kontakt mit dem Flüchtlingsforum seit den Vorkommnissen um die Cap Anamur im Jahr 2004 und durch das Flüchtlingsforum eine große Solidarität erfahren u.A. durch die Kampagne „Lübeck liegt am Mittelmeer“  .
Die Mitarbeiter meiner Dienststelle haben seit Ende der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts immer mal wieder mit dem Flüchtlingsforum zusammengearbeitet.

Aus meiner Sicht ist das Flüchtlingsforum nicht nur eine Beratungsstelle für Flüchtlinge und andere Migranten oder ein  im weitesten Sinne  Bildungsträger der über politische Situationen von Schutzsuchenden und deren Lebenssituation in den Herkunftsländern, und deren Gründen zu fliehen informiert, sowie die Lebenssituation vor Ort thematisiert und kritisiert, sondern ein, wenn nicht der entscheidende, Player in Sachen Flüchtlingssolidaritätsarbeit in Lübeck.

Vom Flüchtlingsforum kamen immer wieder politische Initiativen, Bekenntnisse im Hinblick auf eine engagierte Flüchtlingssolidaritätsarbeit und handfeste konkrete Unterstützungsarbeit. Ich selbst vertrauer hier dem Forum so sehr, dass ich fast ungesehen schon einige Male als Mitunterzeichner fungiert habe bei Initiativen, und das sehr gerne.

Über viele Jahre hat das Flüchtlingsforum auf die schlechte Wohnsituation von Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften und der Erstaufnahmeeinrichtung mittels Ausstellungen, Infotischen, Aktionen und Veranstaltungen hingewiesen.

Das Flüchtlingsforum hat vielfach auf die totbringenden Auswirkungen der „Sicherung der Außengrenzen Europas“ hingewiesen, und dagegen protestiert.
Hierbei wurde auch immer die Forderung nach offenen Grenzen gestellt.

Nicht nur die Erinnerung an den Brandanschlag in der Hafenstrasse wurde durch das Flüchtlingsforum wachgehalten, sondern es wurde auch mobilisiert gegen rassistische Strukturen, den jahrelang stattfindenden Aufmarsch rechter Gruppen und Alltagsrassismus.

Konkrete Hilfe wurde und wird geleistet bei Kirchenasylen, in der Beratungsarbeit und bei Schulungen.

Die Außenwirkung des Flüchtlingsforums ist beachtlich angesichts der  personellen Situation
In den ersten Jahren des Flüchtlingsforums war die Arbeit ausschließlich ehrenamtlich und es kamen wöchentlich bis zu 20 – 30 hilfesuchende Menschen.
Anfang der 2000er Jahre wurden dem Flüchtlingsforum bis zu 3 Stellen für eine professionelle Migrationsberatung durch das Land finanziert - diese Beratung gab es bis 2006, dann wurde das Geld gestrichen. - die Beratung wurde vom Land in diesem Umfang in Lübeck nicht mehr für notwendig gehalten.
Seit 2006, und das sind auch schon 10 lange Jahre, wird die Beratung und die weitere politische Arbeit ausschließlich ehrenamtlich gemacht.
Seit das Solidaritätszentrum in der Willy Brandt Allee entstanden ist, arbeiten 6 BundesfreiwilligendienstlerInnen für das Flüchtlingsforum, und für 10 Stunden wöchentlich kann eine Büro/Verwaltungs/Buchhaltungsmitarbeiterin beschäftigt werden.
Da die Stellen von Stiftungs- und Spendengeldern abhängig und in den nächsten Monaten zunächst auslaufen, muss geschaut werden wie das dort weitergeht. Und hier hilft natürlich das Geld von der Erich-Mühsam-Gesellschaft sehr.

Das Flüchtlingsforum handelt nach meiner Einschätzung unter dem Motto „Genug ist nicht genug“.
Der politische Ansatz und die Einsicht in die Notwendigkeit, dass eine Flüchtlingssolidaritätsarbeit nicht nur im humanitären Bereich verharren kann, sondern einhergehen muss mit gesellschaftlichen Forderungen, hat  so meine Einschätzung - beim Flüchtlingsforum  die Erkenntnis reifen lassen, dass im Prinzip nie genug getan werden kann, um eine faire und gerechte Flüchtlingsaufnahme und eine Angleichung der Rechte von Personen mit ungesichertem Aufenthalt zu erreichen.

Wie heißt es in dem Lied weiter: „Genug ist nicht genug, ich lass mich nicht belügen. Schon Schweigen ist Betrug, genug kann nie genügen.“

Geschwiegen hat das Flüchtlingsforum nie. Weder in den letzten Jahren, als es um Gesetzesverschärfungen ging, noch bei der Diskussion um eine neue Flüchtlingsunterkunft im Bornkamp.

Geschwiegen hat das Flüchtlingsforum auch nicht vor knapp einem Jahr, als es um die menschenwürdige Versorgung, und die Verpflegung der Transitflüchtlinge in Lübeck ging. Da ist Großartiges auch unter Zusammenarbeit mit anderen Lübeckerinnen und Lübeckern geleistet worden.

Genug ist eben nicht genug ich lass mich nicht betrügen.

Das Flüchtlingsforum  analysiert die aktuellen Gesetzesverschärfungen, die u.a. durch
das Gesetz zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung
das Asylbeschleunigungsgesetz,
das Gesetz zur erleichterten Ausweisung von straffälligen Ausländern und zum erweiterten Ausschluss der Flüchtlingsanerkennung bei straffälligen Asylbewerbern und
das Integrationsgesetz
für Schutzsuchende  geschaffen wurden.

Das Flüchtlingsforum lässt sich nicht betrügen, auch nicht durch so eine Bezeichnung wie „Integrationsgesetz“.

Wir brauchten nicht nur in Lübeck das Lübecker Flüchtlingsforum, sondern entsprechende Organisationen, regional verankert vor Ort in allen größeren Städten, was nicht heißen soll, dass es nicht anderswo auch engagierte Nicht-Regierungsorganisationen gibt.

Im Refrain  heißt es bei Konstantin Wecker weiter

Schon Schweigen ist Betrug, genug kann nie genügen.
Deshalb zum Schluss einige aktuelle Forderungen des Forums, denen ich mich anschließe und die nicht verschwiegen werden dürfen:

Das Sterben an den europäischen Außengrenzen und in den Flüchtlingslagern in Griechenland und Italien muss mehr öffentlich gemacht werden,

Eine menschenverachtende und rassistische Flüchtlingsabwehr darf nicht im Mittelpunkt der Politik stehen das Konzept der sogenannten sicheren Herkunftsstaaten ist aufzugeben.
Und schließlich darf es nicht zu einer gesellschaftlichen Verrohung im Umgang mit Menschen kommen.
Vielen Dank





Laudatio auf Konstantin Wecker – Musik- und Kongresshalle

14.10.2016



Lieber Konstantin Wecker,
lieber Lienhard Böhning,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
es ist eine Grundregel des Theaters, keine Reden vor dem Konzert oder der Premiere zu halten. Gute Künstler sind bis zum Zerreißen angespannt und das Publikum möchte viel lieber wissen, was jetzt auf der Bühne passiert, als eine oder mehrere Reden zu hören. Die Dramaturgie des Erich-Mühsam-Preises erlaubt uns heute nicht, dieser Regel zu folgen. Drei Reden vor dem Konzert. Deshalb wurde mir die Aufgabe gestellt: „Erich-Mühsam-Preis für Konstantin Wecker in acht Minuten“.

Erich Mühsam ist von den drei Lübecker Bürgersöhnen, die Ende des 19. Jahrhunderts die Stadt ohne Schulabschluss verließen, aus denen dann aber in der literarischen Welt doch noch etwas wurde, sicher nicht der berühmteste. Aber er ist der aktuellste. Wenn das politische System wackelt, so wie es in der Bundesrepublik dieser Tage seit 1968 das erste Mal wieder der Fall ist, ist es ratsam, sich wieder intensiver mit Erich Mühsam zu beschäftigen. Kaum jemand hat die Brüche und Fragilitäten der Weimarer Republik, die Ungerechtigkeiten, ja Verbrechen der sie regierenden Parteien schärfer beobachtet und origineller beschrieben als Erich Mühsam.

Der Erich-Mühsam-Preis will dieses Andenken lebendig erhalten und der Lübecker Galerist Frank-Thomas Gaulin, der ja, wie wir alle wissen, in großen Zusammenhängen und Zeiträumen denkt, hat diesen Preis gestiftet.

Die Parallelen zwischen Konstantin Wecker und Erich Mühsam springen so ins Auge, dass man sich im Grunde wundert, dass die Erich-Mühsam-Gesellschaft nicht schon viel früher ihren Preis an Konstantin Wecker vergeben hat. Bezwingend ist Weckers künstlerische Qualität. Man tritt den anderen Preisträgern sicherlich nicht zu nahe, wenn man feststellt: Sie, Herr Wecker, sind der künstlerischste der bisherigen Mühsam-Preisträger und sicherlich auch der, der die Höhen und Tiefen der Münchner Bohème am intensivsten ausgekostet hat. Als Liedermacher, Poet, aber auch als Roman-Autor, politischer Schriftsteller, Schauspieler und Komponist.

Aber es gibt noch andere schöne Gemeinsamkeiten:
Sie und Erich Mühsam sind beide Künstler und Lebemänner, die in ihrer Jugend mehr oder weniger kalkulierte Grenzüberschreitungen eingingen, nicht nur – aber auch – um sich von dominanten bürgerlichen Elternhäusern abzusetzen.

Dann die Liebe zu südlichen Seen, das zeitweilige Leben in Italien. Erich Mühsam streifte in den Jahren 1904 bis 1907 durch die italienische Schweiz und Norditalien, um seine, wie er selber in den Tagebüchern sagt, „Lebenswildheit auszutoben“. Sie, Konstantin Wecker, entdeckten mit 20, 21 den Gardasee. Italien war Ihr erstes Abenteuer, der Gardasee die erste Liebe, die zweite war dann Rom. Mit 23 Jahren haben Sie das Lied „Sommer war’s“ geschrieben. Es ist auf Ihrer allerersten Platte erschienen.

Eine weitere wichtige Parallele ist natürlich das Wirken in, eigentlich das Gestalten der Münchener Bohème und Kleinkunstszene. Erich Mühsam ließ sich 1909 in München nieder. Schlug sich mit Honoraren für Kabarettaufträge und Zeitschriftenbeiträge durch. Doch das Geld reichte nie. Mühsams Freigiebigkeit war sagenumwoben. Die Kette der Schnorrer riss nie ab. Er half verarmten Dichtern, löste verschuldete Schauspielerinnen aus, kümmerte sich liebevoll um entlaufene Dienstmädchen. Theater, Kabarett, Literatur, Politik prägen sein Leben bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. In seinem wunderbaren Tagebuch protokolliert Mühsam die Kneipenabende, Geldsorgen und Frauengeschichten.
Möglicherweise erinnert Sie, Herr Wecker, das an Ihre eigene Vergangenheit auf kleinen Münchener Bühnen der 70er und 80er Jahre, aber auch bei der Lach- und Schießgesellschaft. Was für Erich Mühsam die Zusammenarbeit mit Franziska Reventlow, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger oder Frank Wedekind war, ist für Sie die Arbeit mit Sammy Drechsel, Dieter Hildebrandt, Helmut Dietl oder Maria Mayer. Bühnen
Bühnen, wie das Song Parnass  oder Ihr Kaffee Giesing waren Wohnzimmer, Begegnungszentren, politische Plätze und sind jetzt ebenso Teil der Münchener, ja der deutschen Kulturgeschichte wie einst das Café Stefanie.
Desweiteren – ich will es nicht unterschlagen: Intime Erfahrungen mit Bayerischen Justizvollzugsanstalten, die sich auch in der literarischen und poetischen Produktion niedergeschlagen haben.

Dann natürlich das Bekenntnis zum Anarchismus. Künstler sind wahrscheinlich häufiger Anarchisten als wir Mitglieder der normalen Bevölkerung. Von Ihnen, Herr Wecker, stammt das schöne Zitat „Henry Miller sagte mal, im Grunde seines Herzens muss jeder Künstler Anarchist sein. Und das habe ich auch immer ernst genommen.“

Erich Mühsam ist ebenso wie Ihnen oft Naivität vorgeworfen worden. Nicht nur, während seines Agierens in der Münchener Räterepublik. Die Naivität des Künstlers haben Sie, Konstantin Wecker, immer verteidigt. Als Sie 2003 kurz vor dem Irak-Krieg nach Teheran gefahren sind, haben Sie darauf bestanden, sich ein eigenes Bild vor Ort zu machen. Naivität sei etwas ganz Positives, wenn man dadurch in die Gedankenwelt eines Kindes wieder eintreten kann und sich fragt, warum das so sei.

Ein weiteres schönes Zitat von Ihnen, Herr Wecker: „Man muss sich täuschen dürfen. Es gibt keine Biographie ohne Niederlage. Das gibt es nur in gefälschten Biographien von Wirtschaftsbossen.“ Das könnte natürlich auch von Mühsam stammen. Auch er vertrat das Scheitern als Grundprinzip des Fortschritts und des Fortkommens.


Immer wieder lugt eine profunde literarische und musikalische Bildung bei Konstantin Wecker hervor. Hier ein bisschen Goethe, dort ein bisschen Georg Trakl, ein Zitat von Schiller, eine Hommage an Kurt Tucholsky. Gerade die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, bis zum Ende der Weimarer Republik, scheint es Ihnen, Herr Wecker, angetan zu haben. Deshalb liegen wir mit dem Erich-Mühsam-Preis an Sie wahrscheinlich goldrichtig.
Ich möchte diese Laudatio mit einem Tabubruch beenden. Nicht nur Erich Mühsam, sondern auch Sie, Konstantin Wecker, haben eine Eigenschaft, die in den bisherigen Würdigungen und der doch recht umfangreichen Sekundärliteratur nicht vorkommt und die man mit genuin linken Künstlern eher selten in Verbindung bringt. Sie sind beide nicht nur auf hohem Niveau kreativ, sondern Sie sind auch ausgesprochen fleißig. Sie und Erich Mühsam haben Abend für Abend vor großem und manchmal auch vor kleinerem Publikum die Probe gemacht, dass mit Ihren Werken etwas anzufangen ist. Die Zahl Ihrer Bühnenprogramme, Ihrer Filmmusiken, Ihrer Musicals und Bücher ist Legion und in einer solchen Rede nur annähernd zu würdigen.
Erich Mühsam definiert in dem Memoirenband „Unpolitische Erinnerungen“ den Künstler: „Was ihn ausmacht, ist, neben der angeborenen Veranlagung, Gesehenes, Erdachtes und Erlebtes zu formen: Gesinnung, Fleiß und das Streben nach einem Weltbild.“
In diesem Sinne hat niemand den Erich-Mühsam-Preis mehr verdient als Sie, Konstantin Wecker!




Liebe Freunde,
was für eine Ehre und große Freude:
Die Erich Mühsam- Gesellschaft hat mir den Erich-Mühsam-Preis verliehen, der alle drei Jahre vergeben wird.
Ich liebe Mühsam seit ich Gedichte zu lesen begann, ich war und bin erschüttert über all das, was dieser aufrechte und liebenswerte Anarchist erdulden musste.
Gefängnis und Folter konnten ihn nicht brechen und als seine Folterknechte im KZ Oranienburg seinen Selbstmord verlangten, weigerte er sich. Sie haben ihn zu Tode gequält und dann aufgehängt.
Er verkörperte all das, was den Nazis zuwider war: er war Jude, Anarchosyndikalist, Freigeist  und vor allem war er ein warmherziger Mensch.
Dieser mutige Mann wurde als Schüler wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ der Schule verwiesen - ach wären die Sozialdemokraten doch wieder umtriebig -  er war in der Roten Hilfe tätig, er hat sich nie verbiegen lassen.
Zusammen mit Ernst Toller und Gustav Landauer gehörte er zu den Initiatoren und Anführern der ersten Phase der Münchner Räterepublik ab dem 7. April 1919. 
Bereits am 13. April 1919 wurde er deswegen verhaftet.

Erich Mühsam hat sich sein Leben lang nicht gefügt. Schon früh hatte er eindringlich vor der unheilbringenden Gefahr des Faschismus gewarnt und gehörte zu den ersten und bekanntesten Opfern. Am 10. Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet. Sein Name wurde zum Synonym für Menschlichkeit, Würde und Widerstand gegen Unrecht.
Wenn die Erich-Mühsam-Gesellschaft schreibt, ich sei in seinem Sinne ein Anarchist, der weiterhin an eine herrschaftsfreie Gesellschaft glaubt, dann fühle ich mich sehr geehrt.

Bürgers Alpdruck
Was sinnst du, Bürger, bleich und welk?
Hält dich ein Spuk zum Narren?
Nachtschlafend hörst du im Gebälk
den Totenkäfer scharren.
Er wühlt und bohrt, gräbt und rumort,
und seine Beine tasten
um Säcke und um Kasten.

Horch, Bürger, horch! Der Käfer läuft.
Er kratzt ans Hauptbuch eilig.
Nichts, was du schwitzend aufgehäuft,
ist seinen Fühlern heilig.
Der Käfer rennt. Der Bürger flennt.
In bangen Angstgedanken
fühlt er die Erde wanken.

Ja, Bürger, ja - die Erde bebt.
Es wackelt deine Habe.
Was du geliebt, was du erstrebt,
das rasselt jetzt zu Grabe.
Aus Dur wird Moll, aus Haben Soll.
Erst fallen die Devisen,
dann fällst du selbst zu diesen.

Verzweifelt schießt die Bürgerwehr
das Volk zu Brei und Klumpen.
Ein Toter produziert nichts mehr,
und nichts langt nicht zum Pumpen.
Wo kein Kredit, da kein Profit.
Wo kein Profit, da enden
Weltlust und Dividenden.

Hörst, Bürger, du den Totenwurm?
Er fährt durch Holz und Steine,
und sein Geraschel weckt zum Sturm
des Leichenvolks Gebeine.
Ein Totentanz macht Schlußbilanz
und schickt dich in die Binsen
samt Kapital und Zinsen.


Erich Mühsam




FÜHRUNGEN & SPAZIERGÄNGE in Lübeck auf den Spuren Erich Mühsams, VORTRÄGE jwgoette@gmx.de  
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